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Der Salent
Der Salent (südliches
Apulien): natürliche Mole des Mittelmeeres und Brücke zu Europa.
Er ist ein Kondensat von 3000-jährigen “europäischen” und
“mediterranen” Zivilisationen: ein unwissender Tourist, der hier
anreist, findet sich in eine noch sehr lebendige Vergangenheit
katapultiert und wenn man ihn fragen würde, was er fühlt, würde
er höchstwahrscheinlich antworten, dass man hier das Gefühl hat,
in einer Zeitdimension zu verweilen, die gleichzeitig zu Gegenwart,
Vergangenheit, und Zukunft gehört, in einer Dimension in der die
Grenzlinie zwischen diesen Kategorien vollständig abgebaut ist.
Und das ist die Besonderheit des Salent: eine Vergangenheit, die nie
vergangen ist. Es ist eine Gegend, wo man in der Geschichte
schreitet, wo an jeder Ecke Ereignisse und Geschichten von Menschen
und tausend Rassen stehen, wie die große arabische Kultur, die
französische der Normannen und der Anjou, die schwäbische der
Staufer und Friedrich II, die griechische, die man noch vom Munde
der in der Sprachinsel der Grecìa Salentina lebenden Bevölkerung hören
kann.
Apulien,
Durchzugsgebiet tausender Völker
Fremdherrschaften in Apulien:
- Paläolithische Ära: Illyrische Völker (Messapier und Japiger)
- VIII Jh. v. Chr.: Griechische Kolonisation
- 326 v. Chr.: Römische Herrschaft
- 553 n. Chr.: Byzantinische Herrschaft
- XI Jh.: Normannische Herrschaft
- Friedrich II
- 1266: Französische Herrschaft (Anjou)
- 1442: Aragonesische Herrschaft
- 1800: Zweite spanische Herrschaft
All diese Völker haben dieses Gebiet geprägt, und ihre
Hinterlassenschaft hat zum Reichtum des apulischen Kulturvermögens
beigetragen.
DAS GEBIET
Der Salent umfasst die Provinz Lecce und Teile der Provinzen Tarent und
Brindisi und endet am Absatz Italiens, welcher Richtung Orient
gebogen ist, als ob ein griechischer Gott, um sich zu amüsieren,
den Stiefel ein wenig auf seine Seite gezogen hätte. Terra
d'Otranto hieß früher der Salent, da bis zum XII Jh., der Zeit der
Normannenherrschaft, ihre Hauptstadt Otranto war, eine kleine
Seemacht, die zum Orient mit ihren Basilius-Klöstern, wie San
Nicola di Casole, schaute, einem der kulturreichsten und
raffiniertesten Orte des Europa des 13. Jahrhunderts. Dort kopierte
man wertvolle Manuskripte, dort sprach man Griechisch und Latein,
dort ging man an Land aus Paris und Bysanz. Das Kloster von Casole
hatte im gesamten Süditalien vom XI bis zum XV Jh. eine kulturelle
Funktion, welche das mitte-norditalienische Phänomen des Humanismus
vorwegnahm. Hier blühte ein reges Studienzentrum, welches die alten
griechisch-lateinischen Werke sammelte. In dem Scriptorium des
Klosters wurde 1160 das erste Studentenheim in Europa gegründet, da
das zweite in London im Jahre 1183 entstand. Die Schule von Casole
wurde zum Treffpunkt der Gelehrten der östlichen und westlichen
Welt, welche Bücher, Erfahrungen und Wissen austauschten.
LECCE, DAS "FIRENZE DES SÜDENS"
Lecce, Hauptstadt der Provinz, ist das kulturelle und
wirtschaftliche Zentrum des Salent. Die Stadt ist 11 km von der
adriatischen und 23 von der ionischen Küste entfernt.
Laut der Legende wurde die Stadt 1211 Jahre vor Christi durch
Malemnius, Sohn des Dasumnus und erster König der Salentiner, gegründet
und nach der Zerstörung Trojas von Lictius Idomeneus besetzt, der,
außer ihr den Namen zu geben, die griechische Kultur einführte.
Der Ursprung von Lecce jedoch bleibt noch von einem dichten Nebel
umhüllt und die alten Geographen können dieses Rätsel nicht lösen,
da man in deren Texte nur vage Anspielungen auf die Existenz und die
Konsistenz dieser Stadt finden kann.
Für
ihre intellektuellen Traditionen verdiente sie die Bezeichnung ATHEN
APULIENS. Trotz des Zeitfortschritts, welcher Lecce nicht fremd
blieb, bewahrt die Stadt noch ihr ursprüngliches Aussehen und ihre
künstlerische Ausstrahlung.
Der herrschende Stil ist, wie wohlbekannt, der Barock, welcher hier
sehr anmutige und besondere Formen annimmt, die man in keiner
anderen Stadt findet. Von dieser Eigenschaft entspringt die
Bezeichnung FLORENZ DES ROKOKO, wie 1875 der Historiker Gregorovius
urteilte: „Ich sah nirgendwo
einen gleichen Reichtum solchen Schmucks an Fassaden wie hier.
Obwohl die Kunst hier fast durchweg in Manier und Überfülle
geraten ist, und das Spiel südlicher Phantasie oft ins Barocke fällt,
so hat dies doch der Stadt das gleichmäßige Wesen einer Epoche
aufgedrückt, und so ist ein harmonisches Ganzes hervorgebracht
worden. Man kann Lecce das Florenz der Rokokozeit nennen. In ganz
Italien ist in dieser Kunstrichtung ihresgleichen nicht zu
finden“.
Die Hauptstadt des Salent weist ein Denkmalvermögen auf, welches Objekt der
leidenschaftlichen Bewunderung von jedem ist, der sie besichtigen
darf und das wenige Städte bieten können.
Es besteht vor allem aus Bauten, welche zwischen dem Ende des 16.
Jahrhunderts, als der Stil der Renaissance in den Barock mündete,
und die Anfänge des 18. Jahrhunderts entstandenen sind, als der
Barock Formen höherer Gleichmäßigkeit aufwies. Während dieser
Zeit wurde Lecce, dank des Mäzenatentums der Kirche, reich an
einigen ihrer prunkvollsten Kirchenbauten, für deren Bau
Architekten und Handwerker mit Genialität und Kreativität
wetteiferten und jedem Bau eine unverwechselbare originelle Prägung
gaben, obwohl manchmal etwas übermäßig. So entstanden die
Baukomplexe der Piazza del Duomo mit dem Seminarpalast, dem
Episkopat, der Kathedrale und dem Glockenturm, der Basilica del
Rosario, den Kirchen von S. Chiara, S. Matteo, le Grazie und der
Basilica von S. Croce, welche das wichtigste Denkmal ihrer Epoche
ist.
Man soll aber nicht glauben, dass, wenn man die oben genannten
Monumente gesehen hat, das künstlerische Interesse für Lecce
ausgeschöpft ist. Das ist eine Stadt, die an jeder Ecke dem
Besucher die Überraschung eines Portals bietet, einer Loggia, eines
Bogens, eines Biforiums von exquisiter Gestalt und fast immer im
selben Stil, der sich wiederholt und sich erneuert wie ein
musikalisches Leit-Motiv, in der Symphonie der Formen und Ausdrücke,
welche die Künstler vergangener Zeiten zu komponieren wussten. Es
ist eine Art Stickerei, die sich auf die ganze Stadt mit der
Leichtigkeit einer Spitze legt.
DER
GRIECHISCHE TEIL DES SALENT: Kalos Irtate
Im
Herzen des Salent, zwischen Lecce, Otranto und Gallipoli, gibt es
ein Gebiet mit Sprache, Traditionen, Architektur und Riten
griechischen Ursprungs, die Grecìa Salentina.
Es ist ein Land der Sonne, die Sonne ist das Wahrzeichen von drei
Gemeinden der Grecìa, zu ihr wendet sich die breite Vorderseite der
Menhire, ewige Zeugen der Zeit, und es ist immer die Sonne, die in
vielen Gedichten und Epen gesungen wird. Die Sonne hat die
Jahrhunderte alten Olivenbäume modelliert, schenkt der Pietra
Leccese, dem weichen Tuffstein, ihre warme goldene Farbe, gibt den
Geschmäckern der reichen mediterranen Küche Gestalt.
Die
ägäischen und mikenischen Völker fingen im XVI Jh. v.Chr. an, den
Salent zu bevölkern. Damals begann man, die Toten in gebauten Gräber
zu begraben: die Dolmen; die Menhire sind stattdessen lange Steine,
die im Boden stecken und deren breite Vorderseite sich der Sonne
zuwendet. Es entstanden die ersten Städte durch das Werk der
Messapier, denen die Römer folgten. Der griechisch-gotische Krieg
und der ikonoklastische Kampf im Orient verursachten die ersten
Migrationen der Griechen in den Salent. Das byzantinische Imperium
besetzte einen großen Teil von Süditalien und machte es zu einer
Provinz des Imperiums. Vom Orient kamen Funktionäre, Soldaten und
die italo-griechischen Basilius-Mönche, die den Salent stark
hellenisierten. Diese Mönche versteckten sich anfänglich und
bauten unterirdische Krypten, wunderschön dekorierte Kirchen mit
byzantinischen Fresken. In der Folge bauten sie Klöster, unter
anderen das überaus wichtige Kloster von S. Nicola di Casole in
Otranto, welches die zweitgrößte Bibliothek des Mittelmeers war
(nach der von Alexandria) und viele griechische und lateinische
Werke enthielt. Hier trafen sich Gelehrte aus ganz Europa, um in
diesen wertvollen Werken nachzuschlagen und um Theorien und Ideen
auszutauschen.
In
dieser Zeit verbreitet sich der Olivenbaum-Anbau und mit ihm die
Verarbeitung der Oliven in unterirdischen Ölmühlen, aktiv von 400
bis 900 n.Chr. Die griechischen Mönche lehrten der Bevölkerung
viele innovative landwirtschaftliche Techniken aus dem Orient.
Insbesondere wird die Stahlspitze des Pflugs (von der wir einen
Beweis im berühmten Mosaik der Kathedrale von Otranto haben) das
erste Mal in Europa in diesem Gebiet eingeführt. Mit dem Öl aus
den Ölmühlen von diesem Gebiet beleuchtete man das gesamte Nordeuropa
(Schweden, Norwegen, London), jede Woche fuhr ein Schiff voll Olivenöl
aus Otranto und Gallipoli in Richtung Nordeuropa. Diese Griechen
beeinflussten nicht nur Bräuche, Sitten, Musik und Architektur,
sondern auch die Sprachen: in den 9 Dörfern der Grecìa Salentina
spricht man heute noch den Griko (eine Mischung von Griechisch und
lokalem Dialekt). Den Griechen folgten andere Völker, wie die
Normannen und die Spanier. In diesem Gebiet Italiens kann man
wirklich den Einfluss vielerlei Völker und Kulturen wieder finden.
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